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GELBE
SORTE
Stuttgarter Zeitung, 05.03.1987
Gelbe Sorte
Was hat die chinesische Kulturrevolution mit der Agrarpolitik der
EG in Brüssel zu tun? Gewiß fällt in beiden Szenarien
den Bauern als Betroffenen eine zentrale Rolle zu, doch diese eher
vordergründige Parallelität erklärt wohl noch nicht,
warum Robert Bramkamp seinen Debütfilm "Gelbe Sorte"
so reichhaltig mit einmontierten Revolutionsmotiven angereichert hat.
Dabei wären der Subventions-Dschungel und seine Konsequenzen
für den "Nährstand" allemal ein vorzüglicher
Stoff für ein hochaktuelles Dokumentarspiel.
Doch wo die Wirklichkeit selbst absurde Züge annimmt, reichen
auch die Ausdrucksmittel eines beschreibenden Neonaturalismus offenkundig
nicht mehr aus. Und es entbehrt nicht einer gewissen Paradoxie, daß
gerade der bevorzugte Fluch des Heimatfilms von Zerstörungen
heimgesucht wird, deren Ursachen sich der visuellen Abbildung weitgehend
entziehen. Der "Kampf gegen den Schweinezyklus" ist eben
nicht mehr als Aktion darstellbar. Nach nüchterner Prüfung
aller ökonomischen Daten gelangt der Protagonist von Bramkamps
Film, der Jungbauer Bernd zu der Erkenntnis: "Je mehr ich produziere,
desto größer ist mein Verlust." Null-Produktion heißt
die Losung, die - so der weise Rat des Subventionsexperten - durch
harte Arbeit verschleiert werden muss, "sonst sorgen sich bald
ihre Nachbarn, warum sie nicht pleitegehen."
Als Modell dieser Revolutionierung landwirtschaftlicher Produktionsweisen
zitiert der Film die sogenannte "blaue Revolution" in den
USA, die mit der Einführung neuartiger kobaltfarbener Silos verknüpft
war. Schließlich suchte Bramkamp die revolutionären Veränderungen
des neuen Zeitalters auch auf der Ebene der Geschlechterbeziehungen
auf: Die Freundin des Helden probt den Ausstieg aus vertrauten Abhängigkeitsverhältnissen,
scheitert jedoch an der Schwelle zur Schauspielschule. Als dominantes
unterschwelliges Thema des Films erweist sich die Angst vor Veränderungen,
die vornehmlich als Zerstörungen wahrgenommen werden. Insofern
kann "Gelbe Sorte" durchaus als experimentelles Erstlingswerk
gelten, das dem Zeitgeist Tribut zollt, ohne ihm zu huldigen. (Mainz)
B.Z.
Copyright © Stuttgarter Zeitung, 1987
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