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Der
Bootgott vom Seesportclub
konkret, 06/ 2006
Film des Monats – Der Bootgott vom Seesportclub
von Michael Girke
Dies ist ein Film voller Fortschrittsglauben. Er artikuliert ihn
auf die für Kunst einzig legitime Weise, er setzt darauf, daß
sich die Erzählungen ändern lassen, mit deren Hilfe die
Menschen ihre Wirklichkeit deuten.
Zu Robert Bramkamps Kinokonzeption gehört es, Historisches,
Faktisches, Fiktives so in Beziehung zu setzen, daß daraus
ein anderes Kino erwächst; eins aus lauter bislang ungesehenen
und ungenutzten Möglichkeiten. Ausgangspunkt seines neuen Films
„Der Bootgott vom Seesportclub“ ist es, das vorsintflutliche
Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris und die Brandenburger
Gegend um Glubig- und Scharmützelsee nebeneinanderzurücken,
so daß sichtbar wird: Die vorzivile Region und die deutsche
Wirklichkeit sind sich näher, als man denkt. Kann Brandenburg
von dieser Konstellation profitieren, wird es sich ändern,
wenn dort ein uralter sumerischer Gott unter den Menschen wandelt?
Sucht man kinogeschichtliche Anknüpfungspunkte für den
„Bootgott“, findet man sie bei Monumentalfilmen „Troja“
, „Die Passion Christi", „Herr der Ringe“
sind aktuelle Aneignungen von Mythologie, die alle Möglichkeiten
des Kinos nutzen, um Wunder mit der Aura des Realen auszustatten.
Ihre Macher werfen Hollywoods Effektmaschine aber immer bloß
an, um Filmfiguren maßlos zu überhöhen. Als wäre
Übermenschlichkeit das einzige, was hilft, das Leben erträglich
zu gestalten.
Der Bootgott wirkt unheroisch, weltlich, als wäre er aus einer
Charlottenburger Kneipe in einen Mythos entführt worden. Sein
Name ist Enki. Vor 5,000 Jahren übertrug er den Menschen Fähigkeiten,
die es ihnen ermöglichten, die zerstörerischen Naturkreisläufe
zu überwinden, eine zivilisierte Welt zu errichten. Heute,
im Bootsportclub, arbeitet er als Aushilfe. Enki verkörpert
das, was materiell fehlt, was dringend passieren müßte,
damit der Alltag in der von der herrschenden Ökonomie an den
gesellschaftlichen Rand gedrängten Region um den Scharmützelsee
wieder lebenswert wird. Wahrlich, einen solchen Gott hat die Geschichte,
das sieht man ihr an, lange vermißt.
„Wir wären, wenn möglich, gern ohne soviel Mythologie
ausgekommen. Nun sind wir jedoch überzeugt, daß der Mythos
eine Sprache ist, ein Ausdrucksmittel“. Dies schrieb Cesare
Pavese, italienischer Schriftsteller, Kommunist, Sympathisant des
Widerstands zur Zeit Mussolinis. Pavese benutzte antike Mythologie,
um zu zeigen, wie in Gesellschaften wie dem nachfaschistischen Italien
immer wieder alte, totgeglaubte Wirkkräfte und Konflikte jeden
erhofften Neuanfang ersticken. Ähnlich widerspricht auch Bramkamps
Film der Auffassung, ein Mythos sei lediglich ein Hirngespinst.
Im alten Griechisch bedeutet Mythos "das Wort, das einen Tatbestand
tönt". Anders als der Logos, das Wort der Philosophen
und Theoretiker, schließt der Mythos Individuelles, Gefühle,
Träume, seelische Tiefen und Widersprüche mit ein, ihm
ist also ein viel umfassenderer Begriff vom Menschen eigen.
Heutzutage dient Kinomythologie einem Kult der WeItabgewandtheit,
der Abwertung von Alltagswirklichkeit. Der „Bootgott"
enthält einen Protest dagegen. Wie Bramkamp einen Mythos mitspielen
läßt, wie er diesen verbindet mit konkreten Lebensgeschichten
und Schwierigkeiten der Menschen im Bootsportclub, das gibt dem
Mythos seinen Realismus zurück. Denn einen Mythos als ewig
gültige Wahrheit hinzustellen ist der Inbegriff von Erstarrung.
Der Mythos kann ständig gebrochen und verändert werden,
und das muß sogar geschehen, denn andernfalls haben die großen
Erzählungen und die aktuellen Alltagserfahrungen nichts miteinander
zu tun. Wenn es im heutigen Kino einen aufgeklärten Umgang
mit Mythologie gibt, dann in Robert Bramkamps Film.
Wer an strikten Genreeinteilungen festhält, muß bei diesem
Film doppelt sehen; Dokumentarisches und Fiktives ist im „Bootgott“
unauflösbar vermischt. Bramkamp dokumentiert, wie er der Realität
eigene Vorstellungen hinzufügt. Brandenburg ist voller seltsamer
Mischwesen, Mutanten. Als Held paßt Enki vortrefflich in deren
Welt aus geilen Kicks und Sensationen. Aber der will diese Rolle
nicht spielen, zürnt, weil die Erzählungen der Mutanten
nur noch um sie selbst kreisen; das Gesellschaftliche, die aktive,
verändernde Teilnahme daran, haben sie völlig aus den
Augen verloren. Manchmal ist Horror auf der Leinwand Ausdruck von
genauer Kenntnis des Publikums.
Der titelgebende Bootsportclub existiert wirklich. In einer von
vielen arbeitssuchenden Bewohnern verlassenen, in Agonie fallenden
ostdeutschen Gegend stellt er ein ganz reales Wunder dar. Eines
der letzten Kulturangebote, bei dem jeder mitwirken kann. In der
Schlußszene auf dem Arbeitsamt bittet Enki um Verlängerung
seiner ABM-Stelle, laut Statut darf er aber nicht eingesetzt werden,
um gewachsene Strukturen zu erhalten; Förderung gibt's erst
nach deren Verfall, fürs Aufräumen. In staatlichen Köpfen
läuft offensichtlich ein Katastrophenfilm. Dem versucht Enki
eine andere Erzählung, das heißt bei ihm, eine andere
Realität entgegenzusetzen. Bramkamps Film ist Teil eines Projektes,
das im Internet fortgesetzt wird. Dort kann es jeder Enki gleichtun,
Fähigkeiten und Wissen einbringen, um dem Bootsportclub das
Weitermachen zu ermöglichen. Dieser Film geht weiter in der
Welt, die man betritt, wenn man das Kino verläßt.
Der Westernregisseur John Ford drehte gern im Freien, weit von
Hollywood, im legendären Monument Valley. Für ihn war
das eine Möglichkeit, den Routinen und Intrigen des Filmbetriebs
zeitweise zu entgehen. Der „Bootgott“ sieht aus, als
habe Bramkamp sein Monument Valley gefunden. Wann hat man je so
schöne, farbige Bilder vom Alltag in Brandenburg gesehen, wann
dessen Geräusche so intensiv auf einer Tonspur vernommen? Weite
und Offenheit des Himmels korrespondieren mit der Art, wie der Film
sich, mit Lust und großer Freiheit, öffentlich verdrängten
Tatsachen stellt.
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