DIE
EROBERUNG DER MITTE
Filmdienst, August 1995
Die Eroberung der Mitte
von Manfred Hattendorf
Deutschland 1994, Produktion: WÜSTE Filmprod./Robert
Bramkamp Prod./premiere. Regie und Buch: Robert Bramkamp, Kamera:
Ekkehart Pollack, Musik: Ulrich Eller, Paul Haubrich. Schnitt: Renate
Merck, Wolf-Ingo Römer. Darsteller: Peter Lohmeyer (Mark Stroemer),
Karina Fallenstein (Wolke Donner), John S. Mehnert (Jacoby), Matthias
Fuchs (Dr. Konstantin), Fransziska Pinotz (Carolin). Andreas Rädler
(Dr. Lang). 79 Min.
"Tiefenpsychologie und Hochstapelei": Diese Schlagzeile
aus einem "ZEITMagazin" trifft das Thema dieses Erstlingsfilms
- zumindest in den ersten 50 Minuten - genau auf den Punkt. Schon
in der ersten Einstellung tut Peter Lohmeyer als Psychotherapeut
Stroemer alles, um sich unsympathisch zu machen. Als herrschsüchtiger
und berechnender Scharlatan platzt er von seinem erhöhten Büro
aus in eine laufende Gruppentherapie-Sitzung, fährt den "Hilfstherapeuten"
an, tyrannisiert die Gruppe und verschwindet wieder. Die Sitzung
wird mit Hilfe einer Videokamera festgehalten, die Therapierten
haben die Wahl: sie können jedes beliebige Gruppenmitglied
küssen oder ohrfeigen. Unter den Augen Stroemers entscheidet
sich ein junger Mann für letzteres, obwohl seine Gefühle
zu der geschlagenen Frau eher warmherzig scheinen. Vier Jahre später:
Die Geohrfeigte hat per Computermenü ihr Aussehen verändert
und wird als Wolke Donner wegen ihrer Schlagfertigkeit zur Stroemers
Assistentin. Karina Fallenstein spielt diesen "Racheengel "
wunderbar lakonisch: eine verletzte Frau. die ihrem Therapeuten
das Handwerk legen will. Ein Undercover-Spiel - eben die ersten
50 Minuten lang.
Stroemer hat sich inzwischen auf die Einzeltherapie von besonders
schwierigen Fällen verlegt. Doch auch diese reizen ihn nur
aus Sammelleidenschaft, denn eigentlich ist er daran interessiert,
die originellsten Fälle für seine Bücher auszuschlachten,
in denen er eine neue Therapie-Kultur beschwört. Dabei läßt
er seine Assistentin ungeniert aus den Therapie-Tagebüchern
seiner Klienten abschreiben. Stroemer geht es bei seinen "Fällen
" um reine "Buchfähigkeit ". Wer nicht interessant genug ist,
wird abgestoßen. Mit dem Ergebnis, daß der fiese Therapeut
systematisch von ehemaligen Klienten verfolgt wird, die sich entweder
an ihn heranwerfen oder aber sich an ihm rächen wollen.
Spannung und Witz bezieht der Film aus einer temporeichen Inszenierung
und einem sich an Einfällen überschlagenden Drehbuch.
Dabei ist "Die Eroberung der Mitte" der wohl mit Abstand
dialoglastigste deutschsprachige Film der letzten Zeit. Daß
dies den Film nicht von vornherein diskreditiert, spricht für
ihn - zumal er neben der Sprache mit keinen sinnlichen filmischen
Mitteln aufwartet. Selbst bei einschlägiger Vorerfahrung bieten
die von Stroemer und Wolke Donner therapierten Einzelpatienten jedoch
jede Menge überraschender Ticks. Robert Bramkamp ist begabt
und Chamäleon genug. um tief in diverse Spielarten medizinischer
und psychologischer Fachjargons einzusteigen. Da geht es im Gespräch
zwischen Simulanten und Therapeuten um "Franksche Herde "
und "hypostase Raumforderungen", um Außen- und Innenseiter
und darum, warum es letztere in Deutschland nicht geben könne.
Aber die Lust, Klischees aufzubauen und blitzschnell wieder zu
zerstören, der Handlung immer noch einen neuen Kick zu geben
und die Zuschauer in einem irritierenden Schwebezustand ohne klare
Identifikationsfigur zu halten - all das fällt letztlich auf
den Film zurück. Bramkamp versteht sich wohl als eine Art neuer
Alexander Kluge; was als geniale Satire angelegt ist, wird aber
zunehmend verworren und konfus: Stroemer ist zuletzt gar kein Scharlatan
mehr, ihm gelingt ein therapeutischer Coup sondergleichen. Auch
wenn Stroemers Diagnose nicht sein eigenes Verdienst ist, kann er
die Frau, die ihn bekämpft, beeindrucken. Im letzten Filmdrittel
tauchen plötzlich neue obskure "Hintermänner"
auf: die Vorstandsetage einer großen Versicherung läuft
Stroemer den Rang als "best bad boy" ab und versucht,
zunächst Wolke Donner, dann Stroemer selbst anzuheuern. Zum
Schluß will Stroemer nur noch "denken ", und die
beiden gehen davon wie das Liebespaar in der letzten Einstellung
eines Genrefilms.
Das ist sicher viel zu banal beschrieben, umreißt den vom
Film affichierten Anspruch nur oberflächlich. Schließlich
geht es da noch um die ,"Eroberung Amerikas" als Metapher
für wer weiß was, man lernt, daß Krebs nur eine
mögliche Antwort des Körpers auf unbewältigte Krisen
ist, daß Krisen aber auch anders psychisch verarbeitet werden
können, wenn auch nicht mit Stroemers Art von Therapie. Der
Film will gleich eine ganze Gesellschaftsanalyse mitliefern und
wird dadurch so maßlos, daß die propagierte "Lust
am Denken" einfach nicht aufkommen will. Aus der erstrebten
realistischen Balance zwischen individueller und Milieuprägung
fallen die Figuren trotz starker schauspielerischer Leistungen in
ein kraft fortgesetzter Irritation und Konfusion bereitetes Niemandsland
der Zuschauergehirne. Der Betrachter kann zwar manch intellektuelles
Puzzlespiel mit diesen Teilen betreiben, wird beim Zusammensetzen
aber alleingelassen.
Eine therapiegeschädigte Frau wird Assistentin ihres einstigen
Therapeuten, der sich auf die schamlose Ausbeutung seiner Fälle
verlegt hat, und versucht, ihn mit allen Mitteln zu bekämpfen.
Ein dialoglastiger Film mit guten darstellerischen Leistungen, dessen
Versuch einer ,"ganzheitlichen Gesellschaftsanalyse" jedoch
verpufft. Das ambitionierte intellektuelle Puzzle läßt
sich im Kopf des Zuschauers nicht so recht zusammensetzen. Ab -
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