 |
Der
Bootgott vom Seesportclub
Filmdienst, 2006
Der Bootgott vom Seesportclub – Die 100 ME – Teil
1
von Michael Girke
Dies ist ein Film voller Fortschrittsglauben. Er artikuliert ihn auf
die für Kunst einzig legitime Weise: er setzt darauf, dass sich
die Erzählungen ändern lassen, mit deren Hilfe die Menschen
ihre Wirklichkeit deuten. Zu Robert Bramkamps Kinokonzeption gehört
es, Historisches, Faktisches und Fiktives so in Beziehung zu setzen,
dass daraus ein anderes Kino erwächst: eines aus lauter bislang
ungesehenen und ungenutzten Möglichkeiten. Ausgangspunkt ist,
das vorsintflutliche Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris und
die Brandenburger Gegend um Glubich- und Scharmützelsee nebeneinander
zu rücken, sodass sichtbar wird, dass sich die vorzivile Region
und die deutsche Wirklichkeit näher sind, als man denkt. Kann
Brandenburg von dieser Konstellation profitieren, wird es sich ändern,
wenn ein uralter sumerischer Gott unter den Menschen wandelt?
Sucht man kinogeschichtliche Anknüpfungspunkte für den
„Bootgott“, findet man sie bei Monumentalfilmen. „Troja“
(fd 36 505) „Die Passion Christi“ (fd 36417) „Herr
der Ringe“ (fd 35197, fd 35733, fd 36283) sind aktuelle Aneignungen
antiker Mythologie, die alle Möglichkeiten des Kinos nutzen,
um Wunder mit der Aura des Realen auszustatten. Ihre Macher werfen
Hollywoods Effektmaschine aber immer bloß an, um Filmfiguren
zu überhöhen – als wäre Übermenschlichkeit
das Einzige, was hilft, um das Leben erträglich zu gestalten.
Der Bootgott wirkt unheroisch, weltlich, als wäre er aus einer
Charlottenburger Kneipe in einen Mythos entführt worden. Sein
Name ist Enki. Vor 5000 Jahren übertrug er den Menschen Fähigkeiten,
die es ihnen ermöglichten, die zerstörerischen Naturkreisläufe
zu überwinden und eine zivilisierte Welt zu errichten. Heute,
im Bootssportclub, arbeitet er als Aushilfe. Enki verkörpert
das, was materiell fehlt, was dringend passieren müsste, damit
der Alltag in der von der herrschenden Ökonomie an den gesellschaftlichen
Rand gedrängten Region um den Scharmützelsee wieder lebenswert
wird. Wahrlich, einen solchen Gott hat die Geschichte, das sieht
man ihr an, lange vermisst.
„Wir wären, wenn möglich, gern ohne soviel Mythologie
ausgekommen. Nun sind wir jedoch überzeugt, dass der Mythos
eine Sprache ist, ein Ausdrucksmittel.“ Dies schrieb Cesare
Pavese, italienischer Schriftsteller, Kommunist, Sympathisant des
Widerstands zur Zeit Mussolinis. Pavese benutzte antike Mythologie,
um mit historischer Tiefenschärfe zu zeigen, wie in Gesellschaften
wie dem nachfaschistischen Italien immer wieder alte, todgeglaubte
Kräfte und Konflikte jeden Neuanfang ersticken. Ähnlich
widerspricht auch Bramkamps Film der Auffassung, ein Mythos sei
lediglich ein Hirngespinst. Im alten Griechisch bedeutet Mythos
„das Wort, das einen Tatbestand tönt“. Anders als
der Logos, das Wort der Philosophen und Theoretiker, schließt
der Mythos Individuelles, Gefühle, Träume, seelische Tiefen
und Widersprüche mit ein, besitzt also einen umfassenderen
Begriff vom Menschen. Mythologie ist ein hervorragendes Ausdrucks-
und Erkenntnismittel der Kunst.
Heutzutage dient Kino-Mythologie einem Kult der Weltabgewandtheit,
der Abwertung von Alltagswirklichkeit. Dagegen enthält der
„Bootgott“ einen Protest. Wie Bramkamp einen Mythos
mitspielen lässt, wie er diesen verbindet mit konkreten Lebensgeschichten
und Schwierigkeiten der Menschen im Bootsportclub, das gibt dem
Mythos seinen Realismus zurück. Dies will besagen: Einen Mythos
als ewig gültige Wahrheit hinzustellen, ist der Inbegriff von
Erstarrung. Der Mythos muss ständig gebrochen und verändert
werden, andernfalls haben die großen Erzählungen und
die Alltagserfahrungen der Menschen nichts miteinander zu tun. Wenn
es im Kino einen aufgeklärten Umgang mit Mythologie gibt, dann
hier. Wer an strikten Genre-Einteilungen festhält, muss bei
diesem Film doppelt sehen; Dokumentarisches und Fiktives sind unlösbar
vermischt.
Bramkamp dokumentiert, wie er der Realität eigene Vorstellungen
sichtbar hinzufügt. Brandenburg ist voller Mischwesen, Mutanten.
Als Held passt Enki vortrefflich in deren Welt aus geilen Kicks
und Sensationen. Aber Enki will diese Rolle nicht spielen, zürnt,
weil die Erzählungen der Mutanten nur noch um sie selbst kreisen;
das Gesellschaftliche, die aktive, verändernde Teilnahme daran,
haben sie völlig aus den Augen verloren. Manchmal ist Horror
auf der Leinwand Ausdruck von genauer Kenntnis des Publikums. Der
titelgebende Sportclub existiert wirklich. In einer von vielen Bewohnern
auf Arbeitssuche verlassenen, in Agonie fallenden ostdeutschen Gegend
stellt er ein reales Wunder dar. Eines der letzten Kulturangebote,
in das Menschen sich einbringen können.
Bramkamps Film ist Teil eines Projekts, das im Internet fortgesetzt
wird. Dort kann es jeder Enki gleichtun, Fähigkeiten und Wissen
einbringen, um dem Sportclub das Weitermachen zu ermöglichen.
Wo hat man solches schon gesehen? Dieser Film geht weiter in der
Welt, die man betritt, wenn man das Kino verlässt. Der Western-Regisseur
John Ford drehte gern im Freien, weit von Hollywood, im Monument
Valley. Für ihn war das eine Möglichkeit, den Routinen
und Intrigen des Filmbetriebs zu entgehen. Der „Bootgott“
sieht aus, als habe Bramkamp sein Monument Valley gefunden. Wann
hat man je so schöne, farbige Bilder vom alltäglichen
Brandenburg gesehen, wann dessen Geräusche und Töne so
intensiv vernommen? Bilder, die aufatmen. Weite und Offenheit des
Himmels korrespondieren mit der Art, wie der Film sich, mit Lust
und großer Freiheit, öffentlich verdrängten Tatsachen
stellt.
Copyright © Filmdienst, 2006
|
|