Audio-Portrait Robert Bramkamp
bei rbb Kulturradio von Alicia Rust.
Robert
Bramkamp (*1961) dreht seit 20 Jahren innovative Spielfilme, in
denen das Verhältnis von Fakt und Fiktion immer wieder andere,
faszinierende Verbindungen eingeht. Bramkamp, der seine Filme Prototypen
nennt, wird von der Filmkritik gerne in die Nähe von Alexander
Kluge gerückt, mit dem er mehrfach zusammengearbeitet hat, wie
auch mit Friedrich Kittler, Jean-Marie Straub, Danièle Huillet
und Thomas Pynchon.
In seinen Arbeiten verbindet er Dokumentar-, Essay- und Spielfilm
und findet dabei unkonventionelle Perspektiven für ein thematisch
weit gefächertes Erzählen.
Sein erster abendfüllender Spielfilm Gelbe
Sorte (1987) handelt vom Überlebenskampf eines westfälischen
Jungbauern. Jenseits von absehbaren melodramatischen Milieustudien
erzählt der Film von einem raffinierten Subventionsbetrug, verbindet
sich eine Verschwörungsgeschichte mit Industriefilm und rot-chinesischer
Propaganda. Man muß das banale Scheitern dem Zugriff der
Betroffenheit entziehen und solange geografisch oder historisch verschieben,
bis es in einer neuen Konstellation brisant wird. (Bramkamp).
Eine andere Verschwörung geht in dem Kurzfilm Beckerbillett
(1992) von Billetts aus, die eine geheime Währung auf den Markt
bringen. Der Film wurde mit Arbeitern und Angestellten in der gleichnamigen
Fabrik realisiert.
Ebenfalls on location entstand Der
Mann am Fenster (1989), ein Kurzfilm in dem enttäuschte Bewohner
einer Sozialbausiedlung den verantwortlichen Architekten mit Waffengewalt
entführen und zu einem Bekenntnis nötigen.
Der Himmel der Helden (1987) erzählt
von der Rettung eines US-Astronauten durch eine russische Kosmonautin
(Christin König), die ihn vom Mond zurückholt. Der dokumentarische
Auftritt des christlich fundamentalistischen Apolloastronauten James
Irving in Bielefeld erfährt dabei eine Neubewertung, die für
kommende Marsmissionen wieder aktuell wird.
Ein Zukunftsfilm, schrieb Georg Seeßlen und anläßlich
von Die Eroberung der Mitte (1995), einer
ebenso komischen wie komplexen Auseinandersetzung mit dem Psychoboom:Jeder
Bramkamp-Film ist ein kleines Werk der Befreiung, und weil das stets
mit Glück verbunden ist, auch mit ein wenig Arbeit der Phantasie,
können diese Filme auch ein bißchen süchtig machen.
Im Mittelpunkt steht die therapiegeschädigte Wolke Donner (Karina
Fallenstein), die zur Assistentin ihres einstigen Therapeuten Stroemer
(Peter Lohmeyer) avanciert. Stromer betreibt die schamlose Ausbeutung
außergewöhnlicher Fälle.
Am Anfangspunkt der experimentellen Film-Collage Prüfstand
7 (2001) steht die "V 2", die "Wunderwaffe"
der Nazis, abgescossen am 3. Oktober 1942, womit damals die erste
Rakete der Technikgeschichte ins Weltall flog. Ihr Konstrukteur Wernher
von Braun wurde nach Kriegsende, allen Vorwürfen der Involvierung
in das Hitler-Regime zum Trotz, von den USA in eine leitende Position
der NASA-Weltraumprogramme gehievt. Prüfstand
7 ist eine Charakterstudie der Rakete, in der das androgyne
Wesen Bianca (Inga Busch) als Geist der Rakete seinen Ursprüngen
nachspürt. Fiktive Anteile des Films basieren auf Motiven von
Thomas Pynchons Roman Die Enden der Parabel, der erstmals
verfilmt wurde. Bramkamps Film ist vieles in einem: ein großartiger
Bilderpool zu Zusammenhängen zwischen Hightech und Holocaust,
zwischen Furcht vor dem Sterbenmüssen, Unsterblichkeitswunsch
und Todessehnsucht; ein Film der eine radikale Kritik daran ist, wie
Geschichte in Kino, TV, Feuilleton aufbereitet wird und der zugleich
selber eine umfassende Konzeption von Geschichte ist. (Michael
Girke)
Sein aktuelles Projekt Die
Hundert >ME<, in dem der ABMer Enki (Steffen Schortie
Scheumann) göttliche Seiten an sich entdeckt und eine unabsehbare
Zusammenarbeit mit 100 internationalen Partnern eingeht, ist zugleich
ein Netzwerkprojekt.
aus: Filmprogramm Babylon Mitte Berlin, November 2004